Interview mit Daniel Neuenschwander
Am 19. März präsentierten wir die Sondermünze «ESA» und nutzten die Gelegenheit, Daniel Neuenschwander, Leiter der Abteilung für bemannte und robotergestützte Weltraumforschung, zu interviewen.
«Wir starten Projekte und
arbeiten an Lösungen, ohne
die dazugehörenden Fragen
vollumfänglich zu kennen.»
Die Schweiz beteiligt sich am Ariane-6-Programm. Wie bedeutend ist die Schweizer Beteiligung und was ist daran unverzichtbar?
Die Schweizer Position ist im wahrsten Sinne des Wortes Spitze, da sich die Nutzlastverkleidung ganz oben auf der Rakete befindet. Diese Verkleidung schützt Satelliten während der ersten Minuten, wenn es durch die dichtesten Schichten der Atmosphäre geht, in denen extreme thermische, akustische und aerodynamische Bedingungen herrschen. Bei dieser Technologie handelt es sich um einen ganz wichtigen Beitrag von Schweizer Top-Know-how. Diese Nutzlastverkleidung made in Switzerland wird mittlerweile auch in Nordamerika eingesetzt. Weil sie einfach Spitzenklasse ist.
Neben der Nutzlastverkleidung gibt es noch einen zweiten Schweizer Akteur auf der Ariane 6. Während die Nutzlastverkleidung hauptsächlich aus der Deutschschweiz kommt, kommt der zweite Akteur aus der Romandie – ein für mich nicht unwichtiges Detail. Hier entstehen Booster-Befestigungen, mit denen die Triebwerke an der Kernstufe der Rakete befestigt werden. Diese müssen dem immensen Aufwärtsschub standhalten, der auf die Kernstufe übertragen wird. Noch eine Schweizer Meisterleistung.
Seit Mai 2025 hat die ESA einen Standort in der Schweiz. Können Sie uns diesen kurz vorstellen?
Bei unserem neuen Standort in Villingen ESDI geht es darum, aus dem ETH-Bereich heraus die wirklich fortgeschrittene Technologieförderung für zukünftige Themen in einer Deep Tech Space Logic zu erfassen. So sollen diese Themen dann in die Vorbereitungen zukünftiger Technologien für Raumfahrt-Missionen aufgenommen werden.
Es reicht meiner Meinung nach nicht, wenn wir als Schweiz heute bei jeder Rakete «die Nase vorn» haben. Wir müssen uns auch bei neuen Technologien und Themen ganz vorn positionieren. Nur so können wir morgen und übermorgen Schweizer Exzellenz zeigen.

Wir gehen davon aus, dass die neue Sondermünze «ESA» neue Sammlerinnen und Sammler ansprechen wird. Was macht diese Münze aus Ihrer Sicht besonders?
Mir gefällt, dass jede Schweizerin und jeder Schweizer quasi ein Stück Raumfahrt in der Hosentasche mit sich tragen könnte. Viel wichtiger erscheint mir aber, das Bewusstsein zu schärfen, in welchem Ausmass wir von Raumfahrtdaten abhängen. Denken Sie nur an die Apps auf unseren Smartphones. Sie beruhen fast alle auf weltraumbasierten Technologien oder auf weltraumbasierter Infrastruktur. Ohne Raumfahrt würden diese Apps nicht funktionieren. Es sollte uns allen klar sein, dass Weltraumtechnologie Wettervorhersagen oder Navigationssysteme ermöglicht. Sie liefert Daten für alle Apps, die wir täglich einsetzen. Seien wir ehrlich: Raumfahrt ist gar nicht mehr wegzudenken aus unserem Alltag.
Was fasziniert Sie oder begeistert Sie am meisten an Ihrer Arbeit bei der ESA?
Wir starten Projekte und arbeiten an Lösungen, ohne die dazugehörenden Fragen vollumfänglich zu kennen. Und genau diese Möglichkeiten, Spitzentechnologie und wissenschaftliche Exzellenz an die Grenze des Machbaren bringen zu können, fasziniert mich.
Ich finde es ausserdem sehr befriedigend und bereichernd, in einem Umfeld mit sehr diversen professionellen Backgrounds und Kulturen zu arbeiten.

