{"id":859,"date":"2023-01-03T08:32:39","date_gmt":"2023-01-03T07:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/?post_type=magazin&#038;p=859"},"modified":"2023-02-01T07:32:34","modified_gmt":"2023-02-01T06:32:34","slug":"franz-hohler-in-erinnerung-an-mani-matter","status":"publish","type":"magazin","link":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/magazin\/franz-hohler-in-erinnerung-an-mani-matter\/","title":{"rendered":"Franz Hohler in Erinnerung an \u2028Mani Matter"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\">[vc_row][vc_column]<div class=\"section__text section__text--lead section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><h1>Franz Hohler in Erinnerung an Mani Matter<\/h1>\n<\/div><div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><p>Als man mich einmal in die MRI-R\u00f6hre schob und ich eine Musik ausw\u00e4hlen durfte, die mir \u00fcber den Kopfh\u00f6rer die Zeit verk\u00fcrzen sollte, entschied ich mich f\u00fcr eine CD des Amerikaners Steve Reich. Nachdem mich der Betreuer des Vorgangs am Ende wieder herausgezogen hatte, sagte er, diese Musik habe noch nie jemand h\u00f6ren wollen. Was denn die Leute sonst gern h\u00e4tten, fragte ich ihn, worauf er zur Antwort gab: \u00abMozart oder Mani Matter\u00bb.<\/p>\n<p>An einem Sonntagabend klickte ich am Fernsehen den Schluss des Schweizer \u00abTatorts\u00bb an, \u00abZ\u00fcri br\u00e4nnt\u00bb, und nach ihren offenbar erfolgreichen Ermittlungen sang die Kommissarin f\u00fcr sich, und damit auch f\u00fcr das Publikum, \u00abI han es Z\u00fcndh\u00f6lzli az\u00fcndt\u00bb.<\/p>\n<p>Auf der Kulturseite der \u00abNZZ am Sonntag\u00bb wurde j\u00fcngst das Z\u00fcrcher Jazzfestival \u00abUnerh\u00f6rt!\u00bb angek\u00fcndigt, und zwar mit der \u00dcberschrift:<\/p>\n<h3>\u00ab \u2039Kunscht isch g\u00e4ng es Risiko\u203a<br \/>\nsang schon Mani Matter.\u00bb<\/h3>\n<\/div><div class=\"section__teaser_special\"><div class=\"teaser_special row_simple middle-xs \"><div class=\"teaser_special__media col-l-6 col-xs-12 intro-animation-mobile\"><div class=\"picture_container\"><picture><source srcset=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-960x960px.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-960x960px.jpg\" alt=\"\u00ab \u2039Kunscht isch g\u00e4ng es Risiko\u203a sang schon Mani Matter.\u00bb\" width=\"960\" height=\"960\"\/><\/picture><\/div><\/div><div class=\"teaser_special__content col-l-6 col-xs-12 intro-animation intro-animation--left\"><div class=\"teaser_special__content__inside\"><p>Es gibt in der Deutschschweiz praktisch zu allem und jedem ein Mani-Matter-Zitat. Seine Lieder sind, fast 50 Jahre nach seinem fr\u00fchen Tod, von einer selbstverst\u00e4ndlichen Pr\u00e4senz; sie sind den Kindern und den Erwachsenen gleichermassen vertraut, Mani Matter ist zu einem Klassiker geworden, er ist sozusagen der Mozart des Schweizer Chansons.<\/p>\n<p>Er hat in seinen Liedern das Berndeutsche Anfang der sechziger Jahre aus der Sprache der l\u00e4ndlichen Idylle und der Gotthelf-H\u00f6rspiel-Bearbeitungen zur\u00fcckgeholt in die Nat\u00fcrlichkeit der Umgangssprache. Dabei war Berndeutsch genau genommen gar nicht seine Muttersprache. Seine Mutter war Holl\u00e4nderin, sein Vater Berner, und um in der Familie ein sprachliches Ungleichgewicht zu vermeiden, beschlossen die beiden Eltern, mit den Kindern Franz\u00f6sisch zu sprechen. Berndeutsch hat Mani in der Schule von den andern Kindern gelernt.<\/p>\n<h3>\u00abMani\u00bb ist \u00fcbrigens ein Pseudonym.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein richtiger Vorname war Hans Peter. Seine Mutter nannte ihn gerne Jan, seine j\u00fcngere Schwester machte daraus Nan, danach Nani, das sp\u00e4ter zu Mani wurde. Das war dann auch sein Pfadfindername, und bei dem blieb er, als er mit Chansons aufzutreten begann. Im frankophilen Hause Matter gab es Platten von Maurice Chevalier aus der Erbschaft eines Onkels, und \u2013 von Mani selbst gekauft \u2013 von Georges Brassens. Als sich Mani \u00fcberlegte, was er zu einem Pfadiabend beitragen k\u00f6nnte, machte er ein Mundartlied zu einer Melodie von Georges Brassens, \u00abDr R\u00e4gewurm\u00bb. Er war verbl\u00fcfft \u00fcber den Erfolg, alle fragten ihn nach weiteren Liedern, und so fing er an, zu eigenen Melodien eigene Chansons zu schreiben.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div>[\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column]<div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><p>Nach der Matur belegte er zun\u00e4chst ein Semester Germanistik an der Uni Bern, liess sich aber \u00abdurch Vorlesungen \u00fcber Goethe etwas abschrecken\u00bb und entschloss sich f\u00fcr das Studium der Jurisprudenz. Sein Vater war Rechtsanwalt, spezialisiert auf Marken- und Patentrecht. Manis Interesse galt jedoch dem Staatsrecht. 1963 wurde er Assistent des Staatsrechtsprofessors Richard B\u00e4umlin. 1965 schloss er sein Studium mit der Dissertation \u00abDie Legitimation der Gemeinde zur staatsrechtlichen Beschwerde\u00bb ab. Sie zeigte auf, welche M\u00f6glichkeiten einer Gemeinde beim Bundesgericht offenstehen, um gegen kantonale Beschl\u00fcsse zu rekurrieren, und kritisierte die damalige Haltung des Bundesgerichts als zu wenig liberal. Es ging letztlich um das Recht des Kleineren gegen den Gr\u00f6sseren \u2013 der Gedanke an sein Chanson \u00abDr Hansjakobli und ds Babettli\u00bb liegt auf der Hand. Seine Dissertation erschien im Verlag St\u00e4mpfli in Bern und d\u00fcrfte mit ihren 79 Seiten eine der k\u00fcrzesten Dissertationen \u00fcberhaupt sein.<\/p>\n<p>1967 begab sich Mani Matter f\u00fcr ein Jahr nach Cambridge, um an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten. Sie trug den Titel \u00abDie pluralistische Staatstheorie\u00bb und stellte den Staat als ein Gebilde dar, das nicht in erster Linie durch \u00dcbereinstimmung gepr\u00e4gt ist, sondern nur durch Widerspruch verschiedener Meinungen lebendig bleibt. Zur Fertigstellung fehlten ihm, als er zur\u00fcckkam, bloss noch die Fussnoten, die er nie geschrieben hat. Trotzdem bekam er 1970, jetzt als Oberassistent, einen Lehrauftrag f\u00fcr Staats- und Verwaltungsrecht an der Uni Bern. Wege zu einer Professur w\u00e4ren ihm durchaus offengestanden.<\/p>\n<p>Im Januar 1969 hatte er einen befristeten Auftrag bei der Stadt Bern angenommen, wo man jemanden suchte, der in den st\u00e4dtischen Reglementenwirrwarr Ordnung brachte. Nachdem er diese Arbeit abgeschlossen hatte, wurde er zum festangestellten Rechtskonsulenten der Stadt ernannt.<\/p>\n<p>Die Aussicht, ein ganz normales Leben als st\u00e4dtischer Beamter zu f\u00fchren, erleichterte ihn, wie er in einem Brief an seinen Liedermacherfreund Fritz Widmer aus Cambridge schrieb. 1963 hatte er Joy Doebeli geheiratet, es waren drei Kinder zur Welt gekommen, und obwohl seine Frau ihre berufliche T\u00e4tigkeit als Englischlehrerin nie aufgegeben hatte, stellte sich ein Gef\u00fchl der Verantwortung f\u00fcr die Familie ein.<\/p>\n<p>In einem Interview, das ich 1971 mit ihm f\u00fchrte, antwortete er auf meine Frage, ob er nicht Lust habe, hauptberuflich zu singen:<\/p>\n<h4>\u00abNein. Ich m\u00f6chte nicht gern das Gef\u00fchl haben, ich m\u00fcsste mich morgens um acht Uhr in mein Studierzimmer begeben, um meine Familie zu ern\u00e4hren und zu diesem Zweck wieder Lieder zu schreiben. Ich bilde mir ein, dass die Lieder, die ich schreibe und die zu schreiben ich mir die Zeit irgendwie nehmen muss, dass das dann wirklich nur die sind, die, von mir aus gesehen, einem Bed\u00fcrfnis entsprechen.\u00bb<\/h4>\n<\/div><div class=\"section__teaser_special\"><div class=\"teaser_special row_simple reverse middle-xs \"><div class=\"teaser_special__media col-l-6 col-xs-12 intro-animation-mobile\"><div class=\"picture_container\"><picture><source srcset=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-2-960x960px.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-2-960x960px.jpg\" alt=\"Mani Matter macht Musik mit Hohler\" width=\"960\" height=\"960\"\/><\/picture><\/div><\/div><div class=\"teaser_special__content col-l-6 col-xs-12 intro-animation intro-animation--right\"><div class=\"teaser_special__content__inside\"><p>Wir k\u00f6nnen heute froh sein, dass dieses Bed\u00fcrfnis st\u00e4rker war als dasjenige, die Fussnoten zu seiner Habilitation zu schreiben.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass Mani auch politisch aktiv war. Kaum hatte er das stimmf\u00e4hige Alter erreicht, trat er dem \u00abJungen Bern\u00bb bei, einer Gruppe, die versprach, politische Probleme allein nach sachlichen Gesichtspunkten anzugehen und Entscheide von Fall zu Fall zu treffen, w\u00e4hrend bei den grossen Parteien meist von vornherein klar war, wie sie sich auf Grund ihrer Ideologie zu einer Sache stellten. 1959 gelang dem \u00abJungen Bern\u00bb mit der glanzvollen Wahl des Pfarrers und Schriftstellers Klaus Sch\u00e4delin der Einzug in die 7-k\u00f6pfige Exekutive. Der Propagandachef f\u00fcr Sch\u00e4delins Wahl war Mani Matter. Er selbst wurde bei den Wahlen ins Kantonsparlament 1960 zweiter Ersatzmann und hatte somit reelle Chancen, ein n\u00e4chstes Mal gew\u00e4hlt zu werden, und von da an liess er sich nicht mehr aufstellen. Er war aber von 1964 bis 1967 Pr\u00e4sident des \u00abJungen Bern\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abMir hei e Verein, i gh\u00f6re derzue\u00bb hat Mani Matter gesungen und in diesem Lied von den Schwierigkeiten erz\u00e4hlt, dazuzugeh\u00f6ren. Als sich nach dem Austritt einiger prominenter Autoren und Autorinnen aus dem Schweizerischen Schriftstellerverein 1970 die \u00abGruppe Olten\u00bb zu bilden begann, war Mani bei einigen der ersten Treffen dabei. Bald debattierte man dar\u00fcber, ob man einfach eine Gruppe bleiben wolle, wie etwa in Deutschland die Gruppe 47, oder ob man eine Form suchen sollte, in der man auch juristisch handlungsf\u00e4hig sein w\u00fcrde, und man fragte den Juristen Mani, ob er so etwas wie Vereinsstatuten entwerfen k\u00f6nne. Das tat er dann, seine klaren und einfachen Statuten \u00fcberzeugten auch die Hitzk\u00f6pfe, und so wurde aus der Gruppe ein Verein, der bis zu seiner Wiedervereinigung mit dem Schriftstellerverein 2002 existierte. Sp\u00e4ter wussten die wenigsten, dass die juristische Fussspur dazu von Mani Matter gelegt worden war.<\/p>\n<p>Ich glaube, vielen Menschen hat Manis Lied vom Verein geholfen, \u00abw\u00fcrklech derzue\u00bb zu geh\u00f6ren, auch wenn sie gefragt werden: \u00abDu lue gh\u00f6rsch du da derzue?\u00bb Letztlich ist die Beschreibung des Vereins nichts anderes als die pluralistische Staatstheorie im Kleinen.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><p>Und neben all diesen T\u00e4tigkeiten widmete er sich immer wieder der Nebenbesch\u00e4ftigung, deretwegen er heute ein Begriff ist, dem Schreiben von Chansons.<\/p>\n<p>Klaus Sch\u00e4delin hatte einige davon auf Tonband aufgenommen, und wer immer bei ihm vorbeikam, musste sie h\u00f6ren. Einer davon war Guido Schmezer, damals Chef der Abteilung Unterhaltung bei Radio Bern, der Mani daraufhin zu Aufnahmen ins Studio Bern einlud. Am 28. Februar 1960 war Mani Matters Stimme zum ersten Mal im Radio zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Chansons aus jener Zeit sind etwa \u00abDr Ferdinand isch gstorbe\u00bb, \u00abI han en Uhr erfunde\u00bb, \u00abD\u2019Psyche vo der Frou\u00bb, \u00abDr Herr Zehnder\u00bb, \u00abDr Kolumbus\u00bb, \u00abDs rote Hemmli\u00bb, \u00abDs Eisi\u00bb, \u00abDr Heini\u00bb, \u00abDs Lotti schilet\u00bb. Damit hatte er \u00abes Z\u00fcndh\u00f6lzli az\u00fcndt\u00bb, dessen Flamme sich rasch weiterverbreitete.<\/p>\n<p>Seine Lieder wurden zun\u00e4chst in Programmen des Lehrercabarets \u00abSchifertafele\u00bb gesungen, und es dauerte bis 1967, bis Mani Matter regelm\u00e4ssig selbst auftrat, zusammen mit Ruedi Krebs, Jacob Stickelberger, Bernhard Stirne-mann, Markus Traber und Fritz Widmer, f\u00fcr die Heinrich von Gr\u00fcnigen in einer enthusiastischen Besprechung im \u00abBund\u00bb den Sammelbegriff \u00abBerner Troubadours\u00bb gepr\u00e4gt hatte.<\/p>\n<p>Auch bei den Schriftstellern brachte der Gebrauch der gesprochenen Sprache frischen Gegenwartswind. Kurt Marti, der \u00fcber Mani Matter einen Artikel in der \u00abWeltwoche\u00bb geschrieben hatte, hatte den Dialekt bereits als Ausdrucksmittel entdeckt, andere wie Ernst Eggimann oder sp\u00e4ter Ernst Burren kamen dazu, Walter Vogt kreierte daf\u00fcr das Stichwort \u00abmodern mundart\u00bb.<\/p>\n<p>1966 ver\u00f6ffentlichte der eben gegr\u00fcndete Zytglogge Verlag Manis erste Schallplatte, die zugleich die erste des Verlags war, \u00abBerner Chansons von und mit Mani Matter\u00bb (sp\u00e4ter umge\u00e4ndert in \u00abI han en Uhr erfunde\u00bb). 1967 folgte seine zweite Platte, \u00abAlls wo mir i d Finger chunnt\u00bb. 1969 publizierte Egon Ammann in seinem \u00abKandelaber Verlag\u00bb das erste Chansonb\u00e4ndchen \u00abUs emene l\u00e4\u00e4re Gygechaschte\u00bb, f\u00fcr das Mani im selben Jahr den Buchpreis der Stadt Bern erhielt. 1970 kam seine dritte Platte heraus, \u00abHemmige\u00bb.<\/p>\n<p>Inzwischen war Mani Matter l\u00e4ngst zum Begriff geworden. Die Auftritte der \u00abBerner Troubadours\u00bb waren \u00fcberall in der Schweiz ein grosser Erfolg. Mani fand es bald fragw\u00fcrdig, dass sie zu sechst im ganzen Land herumfuhren, wo doch jeder von ihnen ein Repertoire hatte, das weit \u00fcber den 10-15-Minuten-Auftritt hinausreichte.<\/p>\n<\/div><div class=\"section__teaser_special\"><div class=\"teaser_special row_simple middle-xs \"><div class=\"teaser_special__media col-l-6 col-xs-12 intro-animation-mobile\"><div class=\"picture_container\"><picture><source srcset=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-4-960x960px.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-4-960x960px.jpg\" alt=\"Mani Matter macht Musik mit Hohler\" width=\"960\" height=\"960\"\/><\/picture><\/div><\/div><div class=\"teaser_special__content col-l-6 col-xs-12 intro-animation intro-animation--left\"><div class=\"teaser_special__content__inside\"><p>So trat er dann vom Herbst 1970 an immer mehr zusammen mit Fritz Widmer und Jacob Stickelberger auf, mit denen er auch ausf\u00fchrlich alle Chansons besprach, und schliesslich sang er am 9. Oktober 1971 zum ersten Mal einen ganzen Abend solo seine \u00abGesammelten Werke\u00bb, und zwar im Luzerner Kleintheater von Emil, der ihn durch beharrliche Anfragen so weit gebracht hatte. Seine Auftritte, in denen er seine \u00abLiedli\u00bb mit lakonischen Zwischentexten verband, waren \u00fcberaus erfolgreich, und Mani wurde zum gefragten Einmannk\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt nach Rapperswil zu einem seiner Solo-Abende kam er am 24. November 1972 bei einem \u00dcberholman\u00f6ver auf der Autobahn bei Kilchberg ums Leben. Die Best\u00fcrzung \u00fcber seinen Tod war gross, sie kam einer Landestrauer gleich.<\/p>\n<p>Mani Matter ist in erstaunlichem Mass ein St\u00fcck schweizerischer Kultur geworden, ein gemeinsamer Nenner f\u00fcr die unterschiedlichsten Menschen. Kinder sind immer noch und immer wieder f\u00fcr ihn zu begeistern. Mani selbst hat mir einmal gesagt, wie sehr es ihn irritiere, wenn er als Kompliment f\u00fcr seine Lieder zu h\u00f6ren bekomme, das sei noch etwas Unverdorbenes, das man den Kindern mit gutem Gewissen vorsetzen k\u00f6nne. Er habe dann jeweils grosse Lust, etwas Obsz\u00f6nes und Geschmackloses zu schreiben, nur um die Leute zu verunsichern.<\/p>\n<p>Der Konsens, dass es sich hier um gute Lieder handelt, ist gross, verd\u00e4chtig gross fast. Heisst das vielleicht, dass sie unverbindlich sind? Kann das \u00fcberhaupt sein, dass dasselbe Lied den S\u00e4nger einer Band, die sich einst als Sprachrohr der Berner Jugendbewegung verstand, Kuno Lauener, ebenso anspricht wie die freisinnige Ex-Bundesr\u00e4tin Elisabeth Kopp, die in ihrem Buch \u00abBriefe\u00bb erw\u00e4hnt, wie wertvoll ihr Manis Lieder seien? Heisst das nicht, dass sie unverbindlich sind? Kann das sein, dass wir ihn alle lieben, den Poeten und hintersinnigen Kritiker? Oder sagen wir Klavier und meinen Bratwurst, wie in Manis Lied vom Missverst\u00e4ndnis? Ob Missverst\u00e4ndnis oder nicht, wir m\u00fcssen es zumindest f\u00fcr m\u00f6glich halten, und es k\u00f6nnte auch heissen, dass wir alle etwas miteinander zu tun haben, dass die Lieder nicht unverbindlich sind, sondern verbindend. F\u00fcr Mani selbst hiess ja Zusammenkommen nicht Vers\u00f6hnung, sondern Gespr\u00e4ch, Kontroverse, Diskussion.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><p>Seine Verse sind eine Einladung zur Einfachheit, kommen leicht und selbstverst\u00e4ndlich daher, erwischen uns beim Vertraut-Allt\u00e4glichen, bei einer Eisenbahnfahrt (\u00abIr Ysebahn\u00bb), beim Gang auf eine Amtsstelle (\u00ab\u00e4r isch vom Amt ufbotte gsy\u00bb), bei der M\u00fcnzsuche vor einem Parkingmeter (\u00abDr Parkingmeter\u00bb), und schicken uns dann in philosophische Labyrinthe. \u00abIr Ysebahn\u00bb etwa ist nicht nur ein komisches Lied, sondern auch ein Lied \u00fcber die M\u00f6glichkeiten unserer Erkenntnis, \u00fcber die schon Kant nachgedacht hat, und \u00fcber das Konfliktpotential, das darin enthalten ist. \u00abDene wos guet geit\u00bb ist verkappte und verknappte Soziologie.<\/p>\n<p>Er ist den Fremdw\u00f6rtern nicht ausgewichen, hat etwa dem Anglizismus \u00abS\u00e4ndwich\u00bb ein ganzes Lied gewidmet, dessen Schlussvers vom Wort \u00abDial\u00e4ktik\u00bb gekr\u00f6nt wird, im Coiffeursalon hat ihn \u00abes metaphysischs Grusle\u00bb gepackt, als er sich in den Spiegeln zu einem M\u00e4nnerchor vervielf\u00e4ltigt sah. Diese vorbehaltlose Offenheit gegen\u00fcber der Sprache, diese N\u00e4he zum Leben liess seine Lieder bis heute nicht altern.<\/p>\n<p>Was er mitausgel\u00f6st hat, n\u00e4mlich eine R\u00fcckeroberung des Dialekts f\u00fcr das Dichten, Denken und Singen, war eine Identifikationshilfe f\u00fcr die schweizerdeutsch sprechenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, eine M\u00f6glichkeit, sich als zugeh\u00f6rig zu empfinden, ohne eine Nationalhymne singen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<\/div><div class=\"section__teaser_special\"><div class=\"teaser_special row_simple reverse middle-xs \"><div class=\"teaser_special__media col-l-6 col-xs-12 intro-animation-mobile\"><div class=\"picture_container\"><picture><source srcset=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-3-960x960px.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/wp-content\/uploads\/swissmint-website-magazin-1-sondermuenzen-franzhohler-3-960x960px.jpg\" alt=\"Swissmint Verpackung\" width=\"960\" height=\"960\"\/><\/picture><\/div><\/div><div class=\"teaser_special__content col-l-6 col-xs-12 intro-animation intro-animation--right\"><div class=\"teaser_special__content__inside\"><p>Er sagte einmal in einem Vortrag, die einzige Tradition, an die er habe ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen, sei das \u00abLumpeliedli\u00bb, und \u00abVersueche, es poetischs Chanson z mache, sy v\u00f6llig f\u00e4hlgschlage\u00bb. Er war stets auf der Suche nach dem poetischen Chanson, so sehr, dass er gar nicht bemerkte, wie manche davon er schon zustande gebracht hatte, von \u00abUs emene l\u00e4\u00e4re Gyge-chaschte\u00bb \u00fcber \u00abDs Lied vo de Bahnh\u00f6f\u00bb oder \u00abDie Strass, won i drann wone\u00bb bis zum \u00abNoah\u00bb.<\/p>\n<p>Aber er suchte mehr als das, einen neuen Ton, der das Gel\u00e4nde des Witzes und der Ironie g\u00e4nzlich hinter sich lassen w\u00fcrde. Zwei seiner letzten Lieder sind Zeugnis daf\u00fcr. Vom einen, \u00abNei s\u00e4get s\u00f6lle mir\u00bb, gibt es eine Piratenaufnahme eines Auftritts im Berner \u00abBierh\u00fcbeli\u00bb, auf der deutlich zu h\u00f6ren ist, wie das Publikum zuerst lacht und dann auf einmal verstummt, weil es seinen alten Mani nicht wiederfindet. Und mit \u00abWarum syt dir so truurig?\u00bb, ein Lied, zu dem es acht verschiedene Entwurfsseiten mit immer wieder neuen Wendungen und Textanordnungen gibt, ist er in diesem neuen Ton angekommen \u2013 es ist f\u00fcr mich das Ergreifendste, was er geschrieben hat.<\/p>\n<p>Und dann die Musik. Auch hier macht man die Feststellung, dass sie zwar einfach, aber nicht simpel ist. Sie orientiert sich h\u00e4ufig an der Melodie, welche den W\u00f6rtern selbst bereits innewohnt, Anf\u00e4nge wie \u00abDas isch ds Lied vo de Bahnh\u00f6f\u00bb, \u00abW\u00e4r w\u00fcrd gloube, dass dr Heini\u00bb oder \u00abNei s\u00e4get s\u00f6lle mir\u00bb schieben die Wortmelodie nur ein kleines bisschen ins Musikalische hin\u00fcber, und schon wird sie zu einem Lied. Seinen Begleitfiguren auf der Gitarre wird man jedoch mit dem absch\u00e4tzigen Hinweis auf die drei ber\u00fchmten Griffe, die es f\u00fcr ein Lied braucht, nicht gerecht, man h\u00f6re sich nur etwa den \u00abB\u00e4rnhard Matter\u00bb oder \u00abI han en Uhr erfunde\u00bb an. Aber Mani beschr\u00e4nkt sich immer auf ein Minimum. So gen\u00fcgt ihm in Farbfoto der Dreivierteltakt, das W\u00e4lzerchen, um die Sentimentalit\u00e4t des Werbefotos, das er beschreibt, auch h\u00f6rbar zu machen.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><h3>\u00abIm\u2019ne Sportflugz\u00fcg<br \/>\nsy zwee mal en<br \/>\nAlpeflug ga mache\u00bb<\/h3>\n<h4><strong>Mani Matter, Dr Alpeflug<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten Achtzigerjahren fingen \u00abZ\u00fcri West\u00bb an, auf jeder ihrer Platten ein Lied von Mani in einer Rock-Fassung einzuspielen. \u00abDynamit\u00bb klang, als sei es f\u00fcr sie geschrieben. M\u00fchelos passen sich viele von Manis Liedern dem Rock-Rhythmus an, oder der Rock-Rhythmus passt sich ihnen an und l\u00e4sst ihre anarchistische Seite st\u00e4rker aufleuchten, oder auch ihre poetische, wie im \u00abHeiw\u00e4g\u00bb oder in Stephan Eichers Version von \u00abHemmige\u00bb.<\/p>\n<p>Bei Stephan Eichers Konzerten in Frankreich sang das Publikum jeweils den Refrain von \u00abHemmige\u00bb mit. Als ich das im \u00abOlympia\u00bb in Paris erlebte, sah ich in Gedanken Mani l\u00e4cheln, mit der Maurice-Chevalier-Platte seines Onkels unter dem Arm.<\/p>\n<p>Als die CD \u00abMatter-Rock\u00bb entstand, wurde Manis \u00abWarum syt dir so truurig?\u00bb, das es nicht mehr von ihm selbst gesungen gibt, durch Polo Hofer interpretiert. Er sagte mir nachher, sie h\u00e4tten lange gewerweisst, ob er \u00abwarum\u00bb auf der ersten Silbe betonen solle (so hatte es Mani noch auf seinem Manuskript notiert, als Lied im 3\/4-Takt) oder auf der zweiten, als Auftakt zu einem 4\/4-Takt, was er schliesslich vorzog, da es ihm besser lag. Das ist typisch f\u00fcr Manis Melodien, dass eben beides geht. Wichtig war ihm die nat\u00fcrliche Sprechweise.<\/p>\n<p>Worauf ich nicht mehr eingehen kann, sind Mani Matters literarische Arbeiten, die nichts mit den Chansons zu tun hatten. Seine hochdeutschen Kurzgeschichten, Aphorismen, Einakter, Gedichte, philosophischen Betrachtungen und Tagebuchnotizen kamen erst nach seinem Tod heraus, in den B\u00fcchern \u00abSudelhefte\u00bb (Benziger, 1974) und \u00abRumpelbuch\u00bb (Benziger, 1976), deren Titel noch von ihm selbst stammten. Sp\u00e4ter kamen zwei weitere dazu, \u00abDas Cambridge Notizheft\u00bb (Zytglogge, 2011) und \u00abWas kann einer allein gegen Zen Buddhisten\u00bb (Zytglogge, 2016). Es sind Fundgruben voller \u00dcberraschungen, die von Manis intellektueller Brillanz, aber auch von der Neugier auf andere Formen zeugen.<\/p>\n<p>Sein Libretto \u00abDer Unfall\u00bb, ein Madrigalspiel f\u00fcr 10 Mitwirkende, erz\u00e4hlt in der Ich-Form von einem, der \u00fcberfahren wurde.<\/p>\n<h3>\u00abIch bin \u00fcberfahren worden, weil ich unachtsam war. Unachtsam war ich, weil ich an etwas anderes dachte. Ich dachte daran, es sei schade, dass ich kein Musiker bin.\u00bb<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er schrieb den Text f\u00fcr seinen Freund, den Komponisten J\u00fcrg Wyttenbach, der mit der Vertonung schon ziemlich weit war, als Mani t\u00f6dlich verunfallte. Danach war Wyttenbach nicht mehr in der Lage, mit der Komposition weiterzufahren. Er brauchte \u00fcber 40 Jahre, um die<br \/>\nArbeit daran wieder aufzunehmen, und das St\u00fcck wurde 2015 an den Luzerner Musikfest-wochen uraufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Durch die Heiterkeit und den verspielten musikalischen und textlichen Witz des Werks leuchtet immer wieder die grosse Trauer \u00fcber Mani Matters Tod, der vermutlich auf der Autobahn an etwas anderes gedacht hatte.<\/p>\n<\/div>[\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column]<div class=\"section__text section__text--center intro-animation intro-animation--bottom\"><p><em>Text: Franz Hohler, Fotos: Matter &amp; Co. Verlag<\/em><\/p>\n<\/div>[\/vc_column][\/vc_row]<\/div>","protected":false},"template":"","class_list":["post-859","magazin","type-magazin","status-publish","hentry","thema-sondermuenzen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazin\/859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazin"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazin"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazin\/859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2806,"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazin\/859\/revisions\/2806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sondermuenze.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}